Ольга Лаврентьева (kuno4ka) wrote,
Ольга Лаврентьева
kuno4ka

Интервью в журнале Strapazin, март 2015



Interview
Pierre Wazem und Olga Lavrentyeva
Begegnung
PW Wir haben uns zum ersten Mal im September 2014 am Boomfest in Sankt Petersburg in einer Bar getroffen. Zu­fälligerweise hatte ich Olgas Ar­beiten kurz vorher in einer Buchhandlung am Nevski-Prospekt gesehen. Wir kommunizieren per E-Mail. Ich lasse mein Französisch von Google auf Englisch übersetzen, dann korrigiere ich den Text so stark, dass oft nichts mehr übrig bleibt von der elektronischen Übersetzung.

OL Zeichnen ist eine einzigartige, universelle Sprache, denn viele Gedanken und Gefühle kann man nicht mit Worten wiedergeben, nicht einmal in der eigenen Sprache. Für Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedenen Kulturen angehören, ist das besonders wichtig. Zeichnen verkürzt die Distanz zwischen Menschen, umgeht innere Barrieren und macht die Kommunikation gleich viel offener.  Pierre arbeitet total gegensätzlich zu meiner Technik und meinem Stil, ja sogar zu meiner Arbeitsweise. Er geht anders mit Informationen um, ­arbeitet schnell und sehr emotional, während ich meine Werke meistens mehrmals umgestalte, mehrere Varianten ausprobiere.
Die Arbeiten von Pierre sind viel realistischer und narrativer als ­meine. Ich arbeite semiabstrakt und kombiniere Techniken auf ­ebener Fläche.


PW Ich bin ukrainischer und spanischer Abstammung. Ich fühle mich dem Osten nahe, in vielen Hinsichten. Im Osten, mit meiner russischen Physiognomie, fragt man mich oft nach dem Weg, so auch in St. Petersburg. Ich sehe mich nicht als Vertreter der typisch schweizerischen Kultur.

OL Die Begegnung mit dem Fremden bringt meiner Ansicht nach die Besonderheiten der eigenen Kultur stärker zum Ausdruck, ermöglicht einen Blick von der Seite, von aussen, wie mit anderen Augen. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf Details und Nuancen der eigenen Kultur, die man sonst nicht bemerkt, weil sie normal, ­gewohnt und alltäglich sind.

Projekt
OL Unsere Zusammenarbeit erinnert mich an eine Collage: Ganz unterschiedliche Bilder, die nichts miteinander zu tun haben, werden verbunden, und plötzlich, oft ­zufällig, entsteht ein neuer Sinn, oft tiefgründig und aufschlussreich.  Das Zusammenspiel mit einem anderen Künstler motiviert dazu, den gewohnten und bequemen Rahmen zu verlassen, erlaubt einen Perspektivenwechsel. Gemeinsam ist unser Wunsch, Gedanken und Gefühle in Form von Comics auszudrücken, aber auch die Liebe zu unseren Familien und unserem Zuhause.  Wir hatten von Anfang an kein gemeinsames Thema gefunden, daher suchten wir in unserem kreativen Austausch nach Berührungspunkten. So wurde gleich nach den ersten Briefen klar, dass wir eine sehr ähnliche Lebenseinstellung haben, auch wenn wir in ganz unterschiedlichen Realitäten leben.
Am besten gefällt mir an unserer Zusammenarbeit die völlige Unvorhersehbarkeit, und dass es keinen Rahmen gibt. Während der Arbeit ist nicht erkennbar, wie es weitergehen wird und welche Wendung das Projekt nehmen wird.

PW Mit einer jungen Künstlerin aus Russland, die noch alles erfinden muss und kann, zu arbeiten, erschüttert ­meine alten Gewohnheiten ein bisschen. Ich bin erstaunt, wie schnell wir uns gefunden haben. Ich finde, sie mischt Zeichnungen und Fotos perfekt.

Engagement, Zensur, Gefährdung der Heimat
OL  Kurz gesagt könnte ich mich als Patriotin bezeichnen. Ich unterstütze die Partei „Das andere Russland“ von Eduard Limonow, die für nationale und soziale Gerechtigkeit eintritt. Dennoch, derzeit widme ich mich vor allem meiner künstlerischen Tätigkeit, ich denke über die Arbeit an einer neuen, grossen Graphic Novel nach.
Zensur beginnt zuallererst im Kopf des Künstlers. Er muss wirklich gründlich darüber nachdenken, welche Gedanken und Ideen sein Kunstwerk transportiert und wozu das führen kann. Man muss sich über seine Verantwortung im Klaren sein, denn was man als Scherz oder Provokation gedacht hat, kann sich in unserem Informa­tionszeitalter ganz leicht mate­rialisieren und zum Albtraum ­werden.  Die Schaffung und Verbreitung von Werken kann im digitalen Zeitalter durch Zensur nicht mehr verhindert werden. Aber Veranstaltungen zu sprengen oder die Publikation von Artikeln oder Büchern zu vereiteln, ist sehr leicht, und normalerweise passiert das nicht auf „Befehl von oben“, sondern auf Initiative ängstlicher Leute. Mir scheint, es gibt derzeit mehr Angst vor irgendwelchen sagenumwobenen „Konsequenzen“ als tatsächliche Zensur.  Zensur ist in Russland natürlich allgegenwärtig, auf staatlichen Sendern genauso wie in den so genannten „unabhängigen“ Quellen. Letztere sind sogar meistens noch stärker zensuriert, solche Fälle habe ich mehrmals erlebt. Je mehr Getöne über Unabhängigkeit, desto mehr passiert oft innere Zensur.

PW Zensur gibt es für mich nicht und ich war noch nie davon betroffen.

OL In meiner Heimat ist Liebe und Güte gefährdet.

PW  Das Fehlen der Lust und die mangelnde Erfahrung der Unbequemlichkeit machen aus uns Menschen ängstliche, materialistische Ignoranten.
Tags: "pas de deux", интервью, публикации
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